Chinas Wein-Zukunft hat gerade erst begonnen

Fachartikel für die ProWein 2019 aus der Feder des Autorenteams Stuart Pigott/Paula Sidore

Wenigen wird der wirtschaftliche Aufstieg Chinas auf eine weltweit bedeutende Position entgangen sein, jedoch hat diese wirtschaftliche Großmacht weiterhin mit den Vorurteilen des Westens zu kämpfen, wenn es um Wein geht. Auf der einen Seite gibt es das Bild chinesischer Weintrinker, die Cola in ihren chilenischen Cabernet Sauvignon kippen oder den roten Bordeaux mit Eiswürfeln kühlen. Auf der anderen Seite gilt der chinesische Markt als Wein-Utopie, wo jede Art Wein – von sehr gut zu sehr schlecht – in der sehr nahen Zukunft in riesigen Mengen verkauft werden wird. Diese Vorurteile sind gefährlich veraltet und führen dazu, dass die aufkeimende Wahrheit übersehen wird: der stetige Anstieg von Weinkonsum und Weinproduktion in China.

Das unterstreicht auch die ProWine China, die die Messe Düsseldorf als Veranstalterin der weltweit bedeutendsten Weinmesse der Welt, der ProWein, seit 2013 zusammen mit UBM World jährlich in Shanghai veranstaltet. Zur kommenden Messe vom 13. bis 15. November 2018 werden wieder rund 700 Wein- und Spirituosenanbieter und rund 15.000 Besucher erwartet.

Jahr für Jahr erlebt China als Weinproduzent ein Wachstum, was Zahlen und auch Erfahrung angeht. Außerhalb Chinas ist nur wenigen bewusst, dass Changyu aus Yantai in der Provinz Shandong, der drittgrößte Weinkonzern der Welt ist und jährlich 135 Millionen Liter verkauft. Das entspricht exakt der Menge des kalifornischen Konzerns E. & J. Gallo! Great Wall, im Besitz des staatseigenen Unternehmens COFCO, gehört mit einer Jahresproduktion von 63 Millionen Litern ebenfalls zu den zehn größten Weinkonzernen der Welt.

Foto: Messe Düsseldorf / ctillmann

Im Westen wird oft angenommen, dass diese Verkaufszahlen auf massenweise Fassweinimporte und dann als chinesisch verkaufte Weine zurückzuführen sind. Diese Praxis ist nach chinesischem Recht jedoch nicht mehr erlaubt. Tatsächlich importiert China relativ wenig nicht abgefüllten Wein. Zum Vergleich: Deutschland und Frankreich importieren fast die sechsfache bzw. vierfache Menge nicht abgefüllten Wein. Im Jahr 2016 wurden in den heimischen Weinbergen Chinas 11,4 Millionen Hektoliter produziert – mehr als in Bordeaux, Deutschland oder Portugal. Das deckt fast zwei Drittel der heimischen Nachfrage.

In den letzten Jahren hat man in der Produktion von Qualitätsweinen in China durch Verbesserungen in Anbau und Keller deutliche Fortschritte gemacht. Dass aus dem Ausland importiertes Fachwissen dabei häufig eine Rolle spielte, ist weder überraschend noch außergewöhnlich. Zum Beispiel waren an der Renaissance chilenischen Weins in den vergangenen 30 Jahren viele ausländische Konzerne beteiligt, darunter Torres aus Spanien, Château Lafite Rothschild und Château Mouton Rothschild aus Bordeaux. Die Situation in China ist fast direkt vergleichbar. Ebenso wie Chile hat China eine lange Geschichte in der Weinproduktion, die während der Ming Dynastie verblasste und dann im späten 19. Jahrhundert einen Neuanfang fand.

Torres hat auch ein Joint Venture mit der Grace Winery in der Provinz Shanxi, und Domaines Barons de Rothschid (Lafite) hat ein zehnjähriges Weinberg-Projekt in der Shandong Provinz Chinas. Der erste Jahrgang des Lafite-Projektes in China, das bisher unter dem Namen Domaine de Penglai firmiert, wird voraussichtlich im kommenden Jahr auf den Markt kommen. Auch das Joint Venture von Château Changyu Lenz Moser in der autonomen Region Ningxia (1.300 Kilometer westlich von Peking gelegen) muss hier erwähnt werden, da viele Experten der Meinung sind, dass diese Region Chinas großes Potenzial für qualitativ hochwertige Rotweine der Rebsorte Cabernet Sauvignon hat. Tatsächlich wurden alle Weine von Changyu Lenz Moser sowohl von Produzenten als auch Konsumenten auf der ProWein 2018 großartig aufgenommen. „Alle drei Roten kamen hervorragend an“, lobt Stefan Nietsche von Sansibar (Sylt) „der Moser XV Cabernet Sauvignon mit seiner jugendlichen Wucht und Samtigkeit – das alles ohne Barrique – und dann der Grand Vin, der sich vor Weinen zum doppelten Preis nicht zu zu verstecken braucht.“

In Ningxia herrscht ein kühles Halbwüstenklima und die Region hat durchschnittlich etwa 3.000 Sonnenstunden jährlich – verglichen mit lediglich 2.050 in Bordeaux. Darüber hinaus ist ausreichend Wasser für die Tröpfchenbewässerung vorhanden – also ist die geringe Niederschlagsmenge in Ningxia kein Problem. Die Situation in der Region lässt sich recht gut mit der Weinregion Washington State im pazifischen Nordwesten der USA vergleichen, wo Cabernet Sauvignon gedeiht, ist aber ganz anders als die auf der Shandong Halbinsel, wo im Sommer hohe Luftfeuchtigkeit herrscht.

Eine ganze Reihe weiterer vielversprechender Weinregionen machen sich derzeit einen Namen. Die autonome Region Xinjiang – und ihr Gebiet Yanqui – gilt beispielsweise als neu aufgehender Stern. 2017 organisierte das Magazin RVF China zusammen mit der Regierung von Yanqi eine Masterclass für die ProWein China. Der Titel war damals: „Die vielversprechendste Weinregion in China.“ Aufgrund des Erfolgs deutet alles gerüchteweise darauf hin, dass es auf der ProWine China 2018 einen Xinjiang Pavillon geben wird. Andere Regionen wollen neue Standards setzen durch den erfolgreichen Anbau weniger bekannter Rebsorten wie Marselán im Bezirk Huailai der Provinz Hebei (einer chinesisch-französischen Demo-Rebfläche). Andere wiederum experimentieren mit schlechter zugänglichen und weniger bekannten Lagen wie den Höhenlagen der Provinz Yunnan in der Region Shangri-la. Selbst kräftige Cabernet Sauvignon Rotweine von hier können mit der Frische der Berge und bestechender Eleganz überzeugen!

Es besteht kein Zweifel, dass in der Mitte des 21. Jahrhunderts alle Experten auf die heutige Dominanz von Cabernet Sauvignon (76,5%) und Merlot (12%) in den Weinbergen Chinas zurückblicken und sie als Phase in der Entwicklung der Weinbranche dieser Nation beschreiben werden. Sicherlich spiegelt diese Dominanz auch das intensive Interesse der chinesischen Konsumenten in roten Bordeaux wider. Wenn man über Drittländer eingekaufte Weine mit einberechnet, dann macht China etwa 40% aller Bordeaux-Weinexporte aus!

Dieser Fokus liegt darin begründet, dass Millionen neuer chinesischer Weinkonsumenten in den letzten 20 Jahren das Bordeaux als weltweit führenden Produzenten qualitativer Rotweine ansahen und dass der Premier Grand Cru Classé Château Lafite Rothschild (in der Regel mehr als 85% Cabernet Sauvignon) den ersten Platz in der hierarchischen Klassifikation dieser Region belegt. Dies führte zu einer Fixierung auf Château Lafite, die seit 2012 zurückgegangen ist. Doch selbst heute, nach dem Aufstieg des Napa Valley in Kalifornien, der Toskana und dem Piemont in Italien, etc., etc., stimmen einige bedeutende westliche Experten noch mit der Einschätzung der chinesischen Konsumenten überein.

Trotz alledem schlägt nicht nur Altbewährtes hohe Wellen. Marselán, eine französische Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Grenache von 1961 gilt zum Beispiel als DIE kommende Rebsorte China’s. Erst kürzlich – nämlich 2001 – auf chinesischen Lagen angepflanzt (2,75 ha), traf der Anbau auf breites regionales Interesse, und die Fläche ist heute auf über 267 ha angewachsen. Diese Rebsorte punktet in der Qualitätsweinherstellung mit ihren tiefen Farben, dem üppigen und komplexen Gaumen und sanften Tanninen. 2017 errang die Winzerei Grace Vineyard aus der Provinz Shanxi dann auch die Medaille „Best Red Single-Varietal“ für den besten reinsortigen Roten beim „Decanter Asia Wine Award“ für ihre 2015 Marselan Tasya’s Reserve.

Die fundamentale chinesische Präferenz für Rotweine gegenüber Weißweinen ist kulturell tief verwurzelt. Darüber hinaus fand der explosive Anstieg der Pflanzung neuer Weinberge parallel zum weltweiten Rotwein-Boom ab den späten 199er Jahren statt. Kein Wunder also, dass die chinesische Weinbranche diesen Fokus hat. Allerdings legt das steigende Interesse an beispielsweise italienischen und chilenischen Weinen (China ist zur Zeit der führende Absatzmarkt für Weine aus Chile) nahe, dass sich bald neue Vorbilder für China ergeben werden. Lokale Beispiele erfreuen sich bereits großartigen Erfolgs: „Was Weißweine betrifft“, sagt Lenz Moser von Chateau Changyu Lenz Moser über seine 2017 auf den Markt gekommenen Weine „war der Blanc de Noir vom Cabernet der Star – neu, einzigartig, innovativ – und vor allem hat das neue Geschmacksprofil bestens gemundet: Die Exotik im Duft, der generöse Gaumen und der schöne, weiche Nachhall haben die Verkoster begeistert.“

Hielt man während der ProWein 2018 Augen und Ohren offen, war das Interesse zu spüren. Die Besucher waren von der Idee „Wein aus China“ begeistert. Darüber hinaus waren die bekannten Aromen vom Cabernet Sauvignon bei der ProWein Forum-Verkostung größtenteils positiv. Ungeachtet der Dynamik von Planet Wein bewegt sich die Weinbranche recht langsam. Es dauert Jahre, neue Weinberge zu etablieren oder bereits existierende mit neuen Reben zu bepflanzen. Chinas Weinproduzenten beginnen gerade erst damit, erstklassige Weine herzustellen und sammeln dabei ständig mehr Wissen und Erfahrungen, so dass mit der Zeit nicht nur spannendere sondern auch vielfältigere Weine erwartet werden können. Innerhalb der riesigen Fläche Chinas gibt es viele unterschiedliche Klimata und viele davon sind für den Anbau der einen oder anderen Rebsorte geeignet. Die Geschichte fängt jetzt erst an!

Weitere Informationen: www.prowein.com

Titelfoto: Messe Düsseldorf / ctillmann