Gesunde ErnährungNewsVerbraucher

Neue US-Ernährungsempfehlungen: DGE sieht Defizite bei Transparenz und Ableitung

Am 7. Januar 2026 haben das U.S. Department of Health & Human Services und das U.S. Department of Agriculture die neuen Ernährungsempfehlungen für die USA veröffentlicht. Die Leitlinien werden turnusgemäß alle fünf Jahre aktualisiert und dienen als zentrale Grundlage für ernährungspolitische Entscheidungen, Programme und Maßnahmen in den Vereinigten Staaten. Auch international stoßen sie auf Aufmerksamkeit, da sie häufig als Referenz herangezogen werden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) ordnet die neuen Empfehlungen kritisch ein und verweist insbesondere auf methodische und inhaltliche Schwächen.

Grundlage der US-Empfehlungen ist ein umfangreicher evidenzbasierter wissenschaftlicher Bericht, der bei jeder Aktualisierung neu erstellt wird. Dieser Bericht wird von anerkannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erarbeitet und stützt sich auf etablierte wissenschaftliche Methoden wie systematische Literaturrecherchen, Modellierungen sowie ergänzende Experteneinschätzungen. Damit folgt der Prozess formal anerkannten Standards der Evidenzbewertung. Offen bleibt jedoch, wie diese wissenschaftlichen Ergebnisse konkret in die finalen Ernährungsempfehlungen eingeflossen sind.

Genau an diesem Punkt setzt die Kritik an. Die American Society for Nutrition bemängelt in ihrer Stellungnahme eine unzureichende Transparenz bei den Methoden, Zielsetzungen und zeitlichen Abläufen der neu eingeführten wissenschaftlichen Bewertungen. Aus Sicht der Fachgesellschaft ist nicht nachvollziehbar dokumentiert, wie aus den vorliegenden Daten die konkreten Empfehlungen abgeleitet wurden. Dies schwächt aus Sicht der DGE die Glaubwürdigkeit der aktualisierten Leitlinien erheblich.

Hinzu kommen inhaltliche Widersprüche zwischen den Botschaften und der grafischen Darstellung der neuen US-Ernährungspyramide. Zwar wird der tägliche Verzehr von zwei bis vier Portionen Vollkornprodukten empfohlen, ihre Platzierung in einem vergleichsweise kleinen Segment der Pyramide vermittelt jedoch eine geringere Bedeutung. Ähnliche Inkonsistenzen zeigen sich bei den Proteinquellen: Während textlich eine Vielfalt pflanzlicher und tierischer Proteine empfohlen wird, dominiert in der Pyramide Fleisch innerhalb der Gruppe „Protein, Milchprodukte und gesunde Fette“. Insgesamt erscheint die Ableitung der Empfehlungen aus der wissenschaftlichen Evidenz weniger stringent als in früheren Versionen.

Inhaltlich bestehen durchaus Parallelen zu den Ernährungsempfehlungen der DGE für Deutschland, etwa beim Fokus auf Vollkornprodukte, Obst und Gemüse, ungesüßte Getränke sowie der Begrenzung von zugesetztem Zucker und Alkohol. Deutliche Unterschiede zeigen sich jedoch bei der Proteinzufuhr. Die US-Empfehlungen setzen mit 1,2 bis 1,6 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag deutlich höhere Zielwerte an als die DGE, die für gesunde Erwachsene unter 65 Jahren 0,8 g/kg als ausreichend bewertet. Nach Einschätzung der DGE liefert die bisherige Studienlage keine belastbaren Hinweise auf einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen einer dauerhaft höheren Proteinzufuhr.

Ein weiterer Unterschied betrifft den Entwicklungsprozess der Empfehlungen. Die Leitlinien der DGE basieren transparent auf wissenschaftlichen Grundlagen, wurden unabhängig und interessensneutral entwickelt und durch einen offenen Konsultationsprozess begleitet. Ein von der DGE entwickeltes mathematisches Optimierungsmodell berücksichtigt dabei Gesundheit, Umweltaspekte und die in Deutschland üblichen Verzehrgewohnheiten gleichzeitig. Während viele europäische Länder Nachhaltigkeit zunehmend systematisch integrieren, ist dies bei den US-Empfehlungen bislang nicht erkennbar.

Abschließend betont die DGE die zentrale Bedeutung unabhängiger wissenschaftlicher Evidenz. Eine klare Trennung zwischen wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und politischer Entscheidungsfindung sei Voraussetzung für Vertrauen in Ernährungsempfehlungen. Wissenschaftliche Fachgesellschaften und Forschungseinrichtungen tragen hierfür besondere Verantwortung. Nur auf dieser Basis können Ernährungsempfehlungen als verlässliche Orientierung für Politik, Fachpraxis und Bevölkerung dienen.

Quellen:
History | Dietary Guidelines for Americans
American Society for Nutrition Calls for Strong Science in National Nutrition Guidance – ASN seeks transparency on the scientific process behind the new Dietary Guidelines for Americans

Täglich Frisch: Online-Magazin Tutti i sensi
Täglich Frisch: Online-Magazin Tutti i sensi

Abonnieren Sie den unseren Newsletter

So erhalten Sie einmal wöchentlich eine Zusammenfassung aller Artikel.

Hiermit gebe ich mein Einverständnis, dass Cézanne Publishing/www.tuttiisensi.de mir regelmäßig Newsletter zusendet.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung

.

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von Ihnen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für Sie am interessantesten und nützlichsten sind.