foodwatch: Zuckersteuer gewinnt an politischem Druck – viele Mediziner sprechen sich für Abgabe aus
Die Debatte um eine mögliche Zuckersteuer in Deutschland gewinnt deutlich an Dynamik. Immer mehr Stimmen aus der Medizin fordern konkrete politische Maßnahmen zur Eindämmung ernährungsbedingter Erkrankungen. Ein offener Brief mit breiter Unterstützung unterstreicht die Dringlichkeit aus fachlicher Sicht. Gleichzeitig prüfen Bundesregierung und Bundesrat verschiedene Reformvorschläge im Gesundheitsbereich. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob eine Abgabe auf zuckerhaltige Getränke ein wirksames Instrument sein kann.
Kurz vor einer möglichen politischen Entscheidung erhöhen Ärztinnen und Ärzte den Druck auf die Bundesregierung: Rund 4.000 Mediziner haben sich für die Einführung einer Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke ausgesprochen. In einem offenen Brief betonen sie die hohe Dringlichkeit und verweisen auf die zunehmende Belastung durch ernährungsbedingte Krankheiten. Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, sowie die Vorsitzende des Marburger Bundes, Susanne Johna.
Nach Einschätzung der Mediziner sind die Folgen ungesunder Ernährung längst im Versorgungsalltag angekommen. Genannt werden insbesondere Übergewicht und Adipositas bereits im Kindesalter, frühe Stoffwechselstörungen, Typ-2-Diabetes, Fettlebererkrankungen sowie Karies. Diese Entwicklungen führten nicht nur zu individuellen gesundheitlichen Belastungen, sondern verursachten auch jährlich Kosten in Milliardenhöhe für das Gesundheitssystem. Neben 3.926 Ärztinnen und Ärzten unterstützten auch mehr als 1.000 Fachkräfte aus Ernährungsberatung, Diabetesberatung und Pharmazie den Appell.
Parallel dazu wird auf politischer Ebene intensiv über strukturelle Reformen diskutiert. Grundlage sind Vorschläge einer Expertenkommission zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens, die neben höheren Abgaben auf Tabak und Alkohol auch eine Zuckersteuer für Getränke vorsieht. Die zuständige Bundesgesundheitsministerin bewertet die Maßnahme aus präventiver Sicht als sinnvoll, verweist jedoch auf die federführende Rolle des Bundesfinanzministeriums bei steuerpolitischen Entscheidungen.
Auch auf Länderebene gewinnt das Thema an Gewicht: Der Bundesrat berät aktuell über einen Vorstoß aus Schleswig-Holstein, der die Einführung einer Zuckersteuer konkret vorantreiben soll. Damit verdichtet sich die politische Diskussion – und mit ihr die Frage, ob fiskalische Maßnahmen künftig stärker zur Gesundheitsprävention eingesetzt werden.
„Bei der Zuckersteuer ist die Lage klar: Ärzteschaft, Fachwelt und eine Mehrheit der Bevölkerung befürworten eine Abgabe auf stark gezuckerte Getränke. Jetzt liegt es an Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, einen konkreten Vorschlag vorzulegen. Die Bundesregierung sollte diese Chance nutzen – insbesondere zum Schutz der Gesundheit unserer Kinder”, sagte Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK).
„Die Zuckersteuer ist ein wirksames Mittel der Prävention und eine längst überfällige Entlastung für ein finanziell überfordertes Gesundheitssystem. Wer so tut, als sei gesunde Ernährung allein Privatsache, blendet die Realität aus: Was wir essen und trinken, wird auch maßgeblich vom Angebot geprägt. Deshalb braucht es jetzt die Zuckersteuer auf Süßgetränke“, sagte Ramona Pop vom Verbraucherzentrale Bundesverband.
„Die Ärzteschaft erlebt jeden Tag, welche gesundheitlichen Auswirkungen eine ungesunde Ernährung haben kann. Jetzt muss die Bundesregierung handeln und sich nicht im Zuständigkeitshickhack verzetteln. Wir brauchen weniger Reparatur, sondern wirksame Prävention. Eine Zuckersteuer ist mehr als überfällig“, ergänzte Barbara Bitzer, Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses DANK und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).
„Deutschland ist Schlusslicht, wenn es um die Vermeidung ernährungsbedingter Krankheiten geht. Die Bundesregierung darf sich nicht länger von den leeren Versprechungen der Industrie einlullen lassen – jetzt muss gelten: Politik für die Menschen statt für die Zuckerlobby!”, sagte Luise Molling von foodwatch Deutschland.
Zu den Unterzeichner:innen des Appells für die Zuckersteuer gehören:
- Dr.med. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer
- Dr. Eckart von Hirschhausen, Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen”
- Dr. med. Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes
- Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Berthold Koletzko, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Stiftung Kindergesundheit
- Prof. Dr. med. univ. Julia Szendrödi, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft
- PD Dr. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)
- Christine Neumann-Grutzeck, Präsidentin des Berufsverbands Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI)
Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), die Verbraucherorganisation foodwatch sowie der Verbraucherzentrale Bundesverband sind Initiatoren des Appells, dem sich bis Mitte April 3.926 Ärzt:innen angeschlossen haben. Die Ärzt:innen fordern die Ministerpräsident:innen der Länder darin auf, bei der bevorstehenden Abstimmung im Bundesrat für die Zuckersteuer zu stimmen.
Ausgewählte Zitate von Unterzeichner:innen des Appells:
„Als Schulzahnärztin sehe ich täglich die falschen Ernährungsgewohnheiten und ihre Auswirkungen. Die Kinder haben häufig zuckerhaltige Getränke mit in der Schule, ein Bewusstsein für die Schädlichkeit ist in der Bevölkerung nicht ausreichend vorhanden. Deswegen bin ich für die Zuckersteuer.“
„Im Rahmen meiner ärztlichen Tätigkeit habe ich täglich mit Kindern und Jugendlichen mit teilweise extremer Adipositas zu tun und sehe durchaus auch bereits dadurch bedingte Folgeerkrankungen bei meinen Patientinnen und Patienten. Maßnahmen zur Prävention von Adipositas müssen dringend stärker im Vordergrund stehen. Ich halte deshalb die Einführung einer Zuckersteuer für sehr wichtig!“
„Nahezu täglich haben wir in der Hausarztpraxis mit den Folgen von Diabetes und Adipositas zu kämpfen, was die Gesundheitskosten in den nächsten Jahren sprengen wird. Eine Einführung der Zuckersteuer könnte einen einfachen Teil dazu beitragen, dies einzudämmen.“
„Aus der Sicht des Orthopäden wären viel weniger operative Eingriffe notwendig, wenn das Problem des Übergewichts besser in den Griff zu bekommen wäre. Dabei kann nicht alleine auf die Disziplin des Einzelnen gesetzt werden, sondern es sollten politische Entscheidungen auf der Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen getroffen werden, um die Folgen von Diabetes und Übergewicht zu reduzieren.“
„Als Kinderärztin mit eigener Adipositas- und Diabetes Typ 2-Sprechstunde sehe ich diesen Schritt insbesondere bei Getränken als sehr dringlich. Bitte nicht lockerlassen!“
„Als Kinderärztin bin ich schockiert über die Zunahme an fettleibigen Kindern. Ich habe Kinder mit Altersdiabetes (Typ II) in meiner Praxis!“
„Als Kinderchirurg sehe ich viele Kinder, die durch ihr Übergewicht frühzeitige Schäden an den Gelenken und vor allem an der Wirbelsäule haben.“
Quellen und weiterführende Informationen:
Ärzteappell für die Zuckersteuer: https://www.foodwatch….ckersteuer
Warken: Zuckersteuer sinnvoll, Beitrag im Deutschlandfunk (15.4.26): https://www.deutschlan…n-102.html – https://www.bundesgesu…14-04-2026
