Dr. Ursula Hudson zum Welternährungstag 2013: Weniger ist mehr für nachhaltigen Fleischgenuss

Hinterwälder Rind - Foto © Slow Food Deutschland/Stefan Abtmeyer
Hinterwälder Rind – Foto © Slow Food Deutschland/Stefan Abtmeyer

Die Vorsitzende von Slow Food Deutschland, Dr. Ursula Hudson, kommentiert zum Tag der Welternährung 2013 die Slow Food Position zum Thema Fleischgenuss.

Der Hunger nach Fleisch ist ungebremst. Fleisch wird heutzutage industriell produziert; die Tiere verkommen dabei zu reinen Fleischlieferanten. Niedrige Preise, Massenproduktion und eine allzeitige Verfügbarkeit, zumindest bei uns im Norden der Welt, heizen den Fleischverzehr weiter an. Doch je mehr Fleisch in industrieller Tierhaltung erzeugt wird, desto gravierender sind die Auswirkungen auf die Umwelt, auf die Gesundheit von Mensch und Tier und auf das Recht der Menschen auf Nahrung weltweit.

Ein Kommentar zum Welternährungstag 2013 von Dr. Ursula Hudson, Vorsitzende, Slow Food Deutschland e.V.

Der erste Burger, der zu hundert Prozent aus dem Labor stammt, wurde im August in London serviert. Die Reaktionen der Verkoster auf Geschmack und Konsistenz der Laborbulette waren gemischt, aber der Petrischalen-Klops wurde medial gefeiert. Es sei ein Meilenstein auf dem Weg, ein hoch eiweißhaltiges Ersatzfleisch für den weltweit wachsenden Fleischhunger bereitzustellen – dies mit Blick auf den Welthunger aber auch auf industrielle Tierhaltung und einen damit verbundenen höchst profitablen Wirtschaftszweig.

Die Produktionskosten für solches Ersatzfleisch sind noch sehr hoch und weit entfernt von einer marktfähigen Umsetzung. Aber wichtiger ist, dass bei dieser angeblichen Problemlösung wesentliche Faktoren aus dem Blickfeld geraten: Wiederkäuer nehmen eine zentrale Rolle in unseren Ökosystemen ein. Das Laborfleisch trägt dazu bei, den Bezug zu natürlichen Lebensmitteln und den Zyklen, denen sie angehören, einmal mehr zu verschleiern.

Die natürlichen Systeme der Wiederkäuer, also der Raufutterfresser, sind außerordentlich wichtig für Bodenfruchtbarkeit, Klimaschutz und den Erhalt von Grasland. Daher müssten vernünftigerweise alle Bemühungen dahin gehen, sie zum allgemeinen, handlungsleitenden und fleischhunger-zügelnden Wissensbestand werden zu lassen. Ein jeder, der sich der unzweifelhaft wichtigen Frage des Fleischkonsums, des Fleisch-Essens und des Fleisch-Verzichts stellt, sollte um die natürlichen Zusammenhänge von Ackerbau und Viehzucht, von Klima und Weideflächen wissen, damit er oder sie auch die jeweils ganz persönliche Antwort auf die brisante Fleischfrage finden kann.

Wiederkäuer in ihren angemessenen und artgerechten Haltungsformen sind von zentraler Bedeutung für den Erhalt von Ökosystemen, ebenso wie für unser Weltklima – und das im positiven Sinne! Deswegen unterstützt Slow Food in Deutschland und weltweit Landwirte, die sich um eine artgerechte und regional verankerte Tierhaltung bemühen, mit unseren Projekten zum Erhalt der biologischen Vielfalt: der Arche des Geschmacks und den Presidi.

An sich sind Wiederkäuer weder Nahrungskonkurrenten für den Menschen noch Klimakiller. Sie verwerten, was wir nicht verdauen können und wandeln es für uns in nahrhafte, gesunde, wohlschmeckende Lebensmittel um: Milch und Fleisch. Mehr noch, sie sind es, die zum Ackerbau untaugliche Flächen beweiden und lebendig halten: immerhin mehr als zwei Drittel der weltweit urbaren Flächen. Wo nicht gegrast wird, wird – außer im Wald – nicht aktiv CO2 gebunden. Beweidete Grasflächen aber sind CO2-Senken. Häufig vergessen wird ebenfalls, dass es ohne Wiederkäuer, ohne ihren Mist, der natürliche Düngung ist, keine saubere, ökologische Landwirtschaft gibt. Wiederkäuer sind unerlässlich für eine natürliche Kreislaufwirtschaft. Ja, wir brauchen einen Wandel wenn es um Fleisch geht – einen Wandel unseres Denkens, unseres Handelns und in der Erzeugung: weniger, besser, tiergerechter und zu fairen Preisen.

Link zu Slow Food Deutschland e.V.
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